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Die ganze Härte der Pandemie

Eine privilegienkritische Reise durch die Corona-Krise von Toronto bis Ellwangen.

von Mohamed Amjahid

 

Es sind wahrlich verrückte Zeiten und das spüren ausnahmslos alle Menschen auf dieser Welt. Dennoch kam mir schon zu Beginn der Corona-Krise etwas bekannt vor: Das Virus trifft nicht alle gleich hart. Schon aus epidemiologischer Sicht sind ältere Menschen und jene mit Vorerkrankungen stärker gefährdet, schwer an Covid-19 zu erkranken und daran zu sterben. Doch auch andere Faktoren spielen eine Rolle, ob und wie man als Individuum und als Gesellschaft diese Epidemie übersteht. Dabei geht es um simple Fragen: Wo bin ich geboren? Wie viel Vermögen liegt auf dem Konto? Muss ich Kinder betreuen? Welche Staatsbürgerschaft besitze ich? Und was ist meine Hautfarbe?

Man könnte von jedem Winkel dieser Erde unzählige Corona-Geschichten erzählen, die zeigen, dass auch diese Krise systematische Benachteiligungen und Privilegien sichtbar macht und manchmal sogar verstärkt. Ich möchte an dieser Stelle meine entsprechenden Eindrücke von drei Orten, in denen ich in den vergangenen wenigen Wochen war, teilen. 

 

Toronto

Als ich mich am 17. März in ein Flugzeug nach Toronto begab, stand noch nicht fest, dass ich aus den USA evakuiert werden sollte. Mit einem Stipendium, so lautete der Plan, wollte ich eigentlich bis August in Nordamerika forschen und schreiben. Doch was sind schon Pläne im Jahr 2020? Bei meinem Zwangsausflug nach Kanada ging es darum, mein Arbeitsvisum für die USA mit einer Ausreise und Wiedereinreise zu aktivieren. „Fliegen Sie nach Toronto, reisen Sie aus und direkt wieder mit Ihrem dann gültigen Arbeitsvisum ein“, hatte die Mitarbeiterin der US-Grenzkontrolle am Telefon gesagt. Ich wollte eigentlich nicht verreisen, ich wollte aber auch nicht ohne legalen Aufenthaltsstatus im Land von Donald Trump festsitzen. Also packte ich meinen kleinen Rucksack.

An der Passkontrolle im Flughafen von Toronto wurde ich wenige Stunden später von einer kanadischen Grenzbeamtin unhöflich begrüßt. Was ich in Kanada zu suchen habe in Zeiten von Corona, wollte sie von mir wissen. Ich erklärte ihr, dass ich direkt ins nächste Flugzeug zurück nach New York steigen würde, falls sie mir einfach in meinen Pass stempeln könne. Sie schüttelte den Kopf, wurde laut, schimpfte auf die US-Behörden, die anscheinend mehreren anderen Betroffenen ähnliche Empfehlungen nahgelegt hatten. Als die Beamtin meinen deutschen Pass erblickte, beruhigte sie sich allerdings wieder, nahm ihn mir ab und bat mich, in einem kleinen Raum in einer dunklen Ecke des Flughafens zu warten.

Dort harrten schon seit mehreren Stunden andere, ausschließlich Schwarze Menschen und People of Color aus. Ihren Gesichtern war die Verzweiflung anzusehen. Einige von ihnen, so konnte ich es an den Papieren in ihren Händen erkennen, hatten Asyl in Kanada beantragt. Niemand sprach ein Wort, alle versuchten im engen, kahlen Raum mit den unbequemen Stühlen so wenig wie möglich zu atmen. Ein Kind brabbelte ab und zu vor sich hin. Seine Mutter, sie hielt einen Pass aus Eritrea in ihrer Hand, führte flüsternd Selbstgespräche. Manchmal wurde eine Person an den Schalter gerufen. „You have to wait longer, I am afraid“, hieß es dann. Egal wie diese Menschen nach Toronto gekommen waren, egal welche Vorgeschichte sie mitbrachten: Ihr Schicksal lag nun komplett in den Händen von Unbekannten. Und die konnten mit Verweis auf die Corona-Epidemie nun jede Entscheidung treffen.

Wenige Tage später wird die kanadische Regierung die Grenzen für alle Reisenden, also auch für hilfesuchende Asylbewerber*innen, komplett schließen. Kritiker bemängeln, dass Geflüchtete aus dem Süden die Landesgrenze zu den USA passieren könnten, ohne sich bei den Behörden zu melden. Was eine noch größere Ansteckungsgefahr mit sich bringen könnte. In der EU setzen mehrere Länder sogar das Asylrecht komplett aus. Das Corona-Virus, es entwickelt sich im Westen auch zur Gefahr für die Menschenrechte.

Etwas mehr als eine halbe Stunde nachdem ich meinen Pass abgegeben hatte, reichte mir eine andere Grenzbeamtin meine Papiere unter einer Glasscheibe durch. Sie entschuldigte sich bei mir für die lange Wartezeit und drückte auf einen Knopf, der die Türautomatik auslöste. Meine Staatsangehörigkeit, meine Passfarbe, sie hatten mir den Weg in die Freiheit geebnet. Ich konnte, wie von mir gewünscht, wieder legal in die USA ausreisen. Die anderen Gefangenen im kleinen Raum blieben zurück. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist.

Auf dem Weg zum Flugsteig hing an der Wand im Terminal ein Kunstwerk. Dort stand auf Arabisch und Englisch: Refugees Welcome in Canada.

 

New York

Vor und nach meinem kurzen Abenteuer am Flughafen in Toronto schlenderte ich durch die ungewöhnlich leeren Straßen von New York. Die Katastrophe bahnte sich damals schon an, doch keiner der politischen Entscheidungsträger konnte oder wollte die Ausmaße zu diesem Zeitpunkt aussprechen. Ich war in der Stadt zu einem Austausch mit mehreren Kulturinstitutionen eingeladen. Die Termine standen schon seit Wochen im Kalender, es gab zu diesem Zeitpunkt keine Quarantäne-Bestimmungen, Donald Trump verglich Corona sogar mit der saisonalen Grippe. Ein Spaziergang führte mir vor Augen, wer an dieser Fehleinschätzung zuerst sterben wird.

Links und rechts lagen auf den Straßen von Manhattan Menschen. Ihnen ging es schon vor Corona schlecht. Nun kullerten zusätzlich auffällig dicke Schweißperlen über ihre Gesichter. Einige von ihnen hatten ihre Augen geschlossen, sie atmeten schwer. Andere schauten hilflos jede* Passant*in an. Vielleicht würde sich jemand erbarmen und helfen? Doch mit was? Eins hatten die meisten dieser Hilfsbedürftigen gemeinsam: Sie waren obdachlos, hatten keine Möglichkeit, ihre Hände zu waschen oder die dringend empfohlenen Hygienemaßnahmen einzuhalten, sie waren Schwarz, sie waren Menschen, die das System der Ungleichheit in den USA als Verlierer*innen abstempelte und zurückließ. Das Virus holte sich zuerst und erbarmungslos jene, die am schwächsten sind.

Daten der staatlichen Gesundheitsbehörden zeigen, dass in New York City 28 Prozent der Menschen, die an Covid-19 sterben Schwarz sind, dabei machen Schwarze Menschen nur 22 Prozent der Stadtbevölkerung aus. 34 Prozent der Corona-Toten sind Hispanics, die aber nur 29 Prozent der New Yorker*innen stellen. In anderen Städten werden noch drastischere Daten erhoben: In Chicago ist beispielsweise die Wahrscheinlichkeit für eine Schwarzen Person, an Covid-19 zu sterben sieben Mal höher im Vergleich zum Risiko einer weißen Person. Das liegt unter anderem daran, dass Schwarze in Stadtvierteln leben, die vom Virus härter getroffen werden, dass sie einen schlechteren Zugang zum Gesundheitssystem haben und im nun systemrelevanten Niedriglohnsektor überrepräsentiert sind. Dort haben sie meistens nur eingeschränkt die Möglichkeit, die strikten Hygienevorschriften einzuhalten.  

Ich musste in New York zum Beispiel den Bus zum Flughafen nehmen und mir war direkt aufgefallen, dass die Schwarze Busfahrerin vorne mit fast jedem Fahrgast in Kontakt kam. Weniger als einen Monat später werde ich folgende Nachricht lesen: 59 Mitarbeiter*innen der New Yorker Verkehrsbetriebe MTA an Covid-19 gestorben. Und so verhält es sich mit all jenen Arbeiter*innen, die systemrelevant und doch ohne Schutz ihre schlecht bezahlten Jobs in Supermärkten, Schnellrestaurants oder Reinigungsfirmen verrichten müssen. In den USA ist die Kluft zwischen arm und reich, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen benachteiligt und privilegiert in dieser Krise besonders groß.

 

Berlin

In den USA sagten mir Freunde und Bekannte vor meiner Ausreise, dass in Deutschland alles besser sei. „Für mich“, dachte ich immer dazu. Deswegen machte es Sinn, dass ich von meinem Fellowship-Programm Ende März evakuiert wurde. Warum ich es auch in Deutschland besser als andere Menschen in dieser Krise habe, sollte mir direkt nach meiner Ankunft klar werden.

Wenige Stunden nachdem ich in Berlin angekommen war, rief mich ein Freund an und berichtete mir von einem medizinischen Skandal, der sich täglich in Deutschland tausendfach wiederhole. Es handelt sich dabei um schwerst kranke Menschen, die in deutschen Krankenhäusern eine lebensnotwendige Behandlung suchen und abgewiesen werden – weil sie keine Krankenversicherung haben. Ich recherchierte diese Geschichte gründlich für den Spiegel und konnte es kaum fassen, dass Krankenhaus-Manager*innen und Gesundheitspolitiker*innen in diesen Zeiten weiterhin auf Bilanzen blicken statt Menschenleben zu retten.

Laut Schätzungen von Nichtregierungsorganisationen besitzen bis zu 600.000 Menschen in Deutschland keine gültige Aufenthaltsgenehmigung und damit auch keine Krankenversicherung. Dazu kommen Tausende EU-Bürger*innen (oft aus Bulgarien und Rumänien) und Obdachlose (oft aus Polen), die nicht krankenversichert sind. Ohne Gesundheitskarte gehen viele von diesen Menschen erst gar nicht ins Krankenhaus, auch wenn sie große Schmerzen haben oder in Lebensgefahr schweben.

Seit wenigen Tagen hat Berlin als erstes und bisher einziges Bundesland das Gesundheitssystem für alle geöffnet. In den anderen 15 Bundesländern bleibt die Lage für Illegalisierte und Obdachlose lebensgefährlich.

 

Baden-Württemberg

Es ist für mich als Reporter sehr schwierig, in Quarantäne zu sein. Mein Job ist es, mit Menschen über ihre Geschichten zu sprechen. Und so greife ich in diesen Zeiten auf soziale Medien und Netzwerke jeder Art zurück, um zu recherchieren. Die Bilder aus dem Flughafen im rumänischen Cluj haben mich dabei besonders schockiert. Dort waren vor wenigen Tagen Tausende Erntehelfer*innen auf engem Raum zusammengekommen, um auf Bitten der Bundesregierung nach Deutschland ausgeflogen zu werden und hier auf den Feldern zu schuften. Für diese Arbeiter*innen galten keine Quarantäne-, Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen. Ich twitterte also die Bilder mit den Menschenmassen aus Cluj, hundertfach erreichten mich danach die Antworten von Spargel-Patrioten, die sich darüber echauffierten, dass man nun auch an Erntehelfer*innen denken müsse. „Die sollten dankbar sein, dass sie bei uns in Deutschland Geld verdienen dürfen“, schrieb jemand. Dann kam sie, die Nachricht, dass ein rumänischer Erntehelfer in Baden-Württemberg an Covid-19 erkrankt und gestorben sei.

Anfang des Monats hatte die Bundesregierung beschlossen, im April und Mai 40.000 Erntehelfer*innen einfliegen zu lassen. Innerhalb von einer Woche waren daraufhin allein am Flughafen Karlsruhe/ Baden-Baden rund 3000 Arbeitskräfte aus Rumänien angekommen. Die meisten von ihnen können die Corona-Hygienemaßnahmen anscheinend nicht einhalten, während sie das Gemüse ernten.

Vor wenigen Tagen erreichte mich ein anderer Hilferuf aus Baden-Württemberg. Eine Aktivist*in aus Ellwangen schrieb mir eine Email, in der sie von katastrophalen Lebensbedingungen in der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (LEA) in Ellwangen sprach. 560 Asyl-Bewerber*innen werden dort von den Behörden in beengten Verhältnissen festgehalten – obwohl in der Region genügend Hotels und Pensionen freistehen, in denen sich die Menschen nicht sanitäre Anlagen oder Küchen teilen müssten. Mindestens 313 Bewohner*innen waren an Corona erkrankt. Sie müssen deswegen vier Wochen mit einer strikten Ausgangsperre leben – eine Verlängerung ist nicht ausgeschlossen.

Während das zuständige Regierungspräsidium in Stuttgart informierte, dass es die Situation in der LEA unter Kontrolle habe, erzählten mir einige Bewohner*innen am Telefon (unter Wahrung ihrer Anonymität) von verdreckten Sanitäranlagen, der Angst in eine Depression zu verfallen, von der gereizten Stimmung im Wohnblock und den Sorgen, ob man den Corona-Ausbruch in der Einrichtung überhaupt überleben werde. Die Protokolle der Betroffenen lesen sich wie aus einer Dystopie. So wie von T. aus dem Iran:

„Nachdem ich zwei Tage Fieber und Husten hatte und einen Arzt sehen wollte, wurde ich auf Corona getestet. Das ist eine Woche her. Ich lebe hier mit 10 Leuten in einem Raum. Die Ergebnisse unserer Tests wurden uns nicht bekanntgegeben. Das Essen hier ist teilweise verdorben, ich habe eine verschimmelte Wurst bekommen. Über Ostern waren wir weitestgehend auf uns allein gestellt, die ganze Security und Verwaltung waren weg. Es gibt kein Desinfektionsmittel, der Reinigungsdienst war das Wochenende über nicht da.“

Nein, Corona trifft nicht alle gleich hart, nirgendwo auf dieser Welt. Es gibt einen Unterschied, ob man als Autor in seinem Wohnzimmer sitzt oder als Supermarktkassiererin die Aggression von Kunden auf Klopapier-Mission aushalten muss. Es gibt einen Unterschied, ob man mit einem deutschen Pass gesegnet oder Staatsbürger*in eines Landes ist, das die Grenzbeamtin in Toronto wenig beeindruckt. Es gibt einen Unterscheid, ob man eine Krankenversicherung besitzt oder nicht. Diese Unterschiede anzuerkennen und in dieser Krise zumindest zu mildern ist genauso wichtig, wie ein Corona-Impfstoff, der hoffentlich bald zur Verfügung stehen wird.

 

Mohamed Amjahid, 1988 in Frankfurt a. M. geboren, ist Journalist und Buchautor.
Er beschäftigt sich mit Strukturen von Privilegien und Diskriminierung in Europa, (post-)kolonialer Geschichte und politischen Entwicklungen im Nahen Osten, Nordafrika, französischsprachigen Gesellschaften und Ungarn.
Mohamed Amjahid lebt in Berlin.

Copyright: M. Heinke
 
 
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